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Julia  Kerscher

M.A.

(Faculty member, Cultural Studies, PH Schwäbisch-Gmünd, Germany)

 

Das kanadische Genie und die österreichischen Dilettanten.

Thomas Bernhards Künstlerroman Der Untergeher als Beispiel einer Ästhetik des Kulturvergleichs

In Thomas Bernhards Künstlerroman Der Untergeher stellen ein Ich-Erzähler, „einer der besten Klavierspieler Österreichs“ (gleichwohl Dilettant), Wertheimer, der „Untergeher“, und deren „kanadische[r] Freund“, das „amerikanisch-kanadische[] Genie“ Glenn Gould das Personal. Die Gegenüberstellung der beiden Dilettanten und des Genies wird also von einer Gegenüberstellung von deren Herkunft und Nationalität überlagert. Dies ruft die Frage nach kulturellen bzw. nationalen Bedingungen und Imprägnierungen von gelingender und scheiternder Künstlerschaft auf. Glenn verlässt Österreich – und Europa – nach dem Studium am Mozarteum wieder: „Salzburg ist kein Ort für die Entwicklung eines Klavierspielers, hat Glenn oft gesagt“. Wie sein historisches Gegenstück gibt der Glenn Gould des literarischen Textes früh das Konzertieren auf und begründet seinen Ruhm durch den Rückzug in ein Tonstudio. „Glenn hat sich in seinen amerikanischen Käfig eingeschlossen, ich mich in meinen oberösterreichischen, sagte Wertheimer, dachte ich. Er mit seinem Größenwahn, ich mit meiner Verzweiflung.“  

     Der Untergeher ordnet (Ober)Österreich den Dilettantismus zu, Kanada/Amerika die Genialität. Er vertritt eine ästhetische Positionierung, die auf einem Kulturvergleich basiert – wobei die Gleichsetzung von Kanada und Amerika besonders ins Auge fällt. Nicht nur ist Glenn „der typische Amerikaner“; Seine „rücksichtslose aber durch und durch offene kanadisch-amerikanische Weise“, mit der er Wertheimer „als erster als Untergeher bezeichnet“, legt darüber hinaus nahe, dass Glenns kanadisch-amerikanisch geprägte Persönlichkeit nicht nur den eigenen Erfolg, sondern auch das Scheitern der Kontinentalen performativ hervorruft.    

     Der Text wird folglich auf seine kulturspezifische Herleitung von Genialität und Dilettantismus ebenso zu prüfen sein wie auf die Frage, ob auch der Mediengebrauch der Protagonisten (das kanadische Genie arbeitet mit den neuen Medien, die österreichischen Dilettanten nicht) in Verbindung zu deren nationaler Identität steht.     

     Und nicht zuletzt darf die Überlegung angestellt werden, in welches Verhältnis Der Untergeher zu seinem österreichischen Autor Thomas Bernhard und dessen berühmten Österreich-Schelten zu setzen ist.

 

 

Julia Kerscher, M.A.
2003–2009 Studium der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, Allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft und der Religionswissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen; 2009-2011 Stipendiatin der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg; WS 2012/13 bis SoSe 2013 Vertretung einer Juniordozentur an der Eberhard Karls Universität Tübingen; seit Oktober 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Cultural Studies an der PH Schwäbisch Gmünd; Arbeit an einer Promotion zum Dilettantismus (Karl Philipp Moritz, Carl Einstein, Thomas Bernhard).

 

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