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Hermann W. PATSCH

(Dr.; Munich) 

 

Hans Eichner als Wiener und Kanadier - Blicke auf Leben und Werk

Hans Eichner wurde am 30. Oktober 1921 in der Wiener Leopoldstadt geboren; er starb am 8. April 2009 in Guelph (Ontario, Canada). Diese beiden Ortsangaben geben seinem besonderen Schicksal die lokalen Grenzen – dem Schicksal eines jüdischen Intellektuellen, der in der erzwungenen Emigration seine großen Gaben der Literatur seiner Herkunftssprache widmet. Es ist dieses Gespannt-Sein zwischen zwei Länder und Kulturen, die sein Schicksal beispielhaft macht für die historische Umwälzung, die durch den Nationalsozialismus bewirkt wurde.
     Da Eichners wissenschaftlicher Nachlass nicht gesichert wurde, muss sein Leben neben den Erinnerungen seiner Nachkommen und den Andeutungen in seinen Büchern und Aufsätzen aus seiner "Familien-Saga" Kahn & Engelmann gewonnen werden, die er nach seiner Emeritierung geschrieben hat. Mein Vortrag wird sich mit dem Wien-Bild beschäftigen, das er in seinem biographischen Roman entwickelt. Es soll verglichen werden mit den Erinnerungen des gleichaltrigen Wieners Egon Schwarz (Unfreiwillige Wanderjahre, 2005; erste Aufl. unter dem Titel Keine Zeit für Eichendorff, 1992) und der zehn Jahre jüngeren Ruth Klüger (Weiter leben. Eine Jugend; 1992), die beide gleichfalls Literaturwissenschaftler in Nordamerika wurden. Es ist dies ein Kapitel zu dem bekannten Thema "Wien und die Juden", das durch den Nationalsozialismus nahezu beendet, jedenfalls grundsätzlich verändert wurde.
     Nach seiner Promotion in London 1949 erhielt Eichner ein Lektorat an der Queen's University in Kingston, Ontario, wo man einen politisch unverdächtigen Germanisten gesucht hatte. Dort brachte er es bis zum 'Head of Department' in der deutschen Abteilung. 1967 wechselte er an die University of Toronto, wo er das Amt des 'Chair' von 1975 - 1985 ausübte. 1988 wurde er pensioniert. Er erhielt vielfältige Ehrungen kanadischer Institutionen, darunter zwei Ehrendoktorate seiner Universitäten. In der Bundesrepublik Deutschland, in die er vielfach zu wissenschaftlichen Tagungen eingeladen wurde,  wurde ihm die Goethe-Medaille vom Goethe-Institut München verliehen. Sein Herkunftsland hat ihn zu ehren nicht für nötig befunden. Eichner erwarb auch bewusst die österreichische Staatsbürgerschaft nicht zurück. Aber er äußerte sich gern (und auch scharf) in Aufsätzen und Rezensionen zu Wiener Autoren der Moderne.
     Der junge Professor wurde von Anfang an von kanadischen Institutionen mit großzügigen Fördergeldern und Forschungsaufenthalten bedacht, etwa mit einem einjährigen Europa-Aufenthalt. Ohne diese Förderung hätte er nicht der international bekannte Friedrich-Schlegel-Forscher und -Editor  werden können. Dabei besuchte er natürlich auch wieder Wien. Sein Band über Schlegel Dichtungen in der Historisch-Kritischen Friedrich-Schlegel Ausgabe (1962) entstand bei einem langen Aufenthalt mit seiner jungen Familie – er hatte eine Kanadierin geheiratet – in Wien, wo er die Österreichische Nationalbibliothek brauchte. Nach einer mündlichen Legende vermied er dort, zu erkennen zu geben, dass er das Wienerische verstand.
     Eichner wurde Mitbegründer der "Kanadischen Studien zur deutschen Sprache und Literatur" und veranstaltete 1970 in Toronto eine internationale Tagung über "Romantic and his cognates", die ein stark beachtetes Ereignis der Auslandsgermanistik war.  Zuletzt förderte die University of Toronto das aus dem Nachlass veröffentlichte Werk Friedrich Schlegel im Spiegel seiner Zeitgenossen (4 Bände, 2012).
     Dieses Leben zwischen den Kontinenten, zwischen Österreich und Kanada, ist  über die Person des bedeutenden Literaturwissenschaftlers hinaus exemplarisch.

Literatur:
H. Patsch: "In Memoriam Hans Eichner". In: Athenäum 19 (2009): 189-194.
H. Patsch: "Hans Eichners Bedeutung für die Romantik-Forschung". In: The Germanic Review 85 (2010): 81-94.
Egon Schwarz: Wien und die Juden. Essays zum Fin de siècle. München: C. H. Beck, 2014.

 

 

 

Hermann Patsch
Geb. 1938; Studium der Germanistik, Ev. Theologie, Philosophie und Pädagogik; Promotion in Theologie;
1971-2005 Gymnasiallehrer in München für Deutsch, Ev. Religionslehre und Philosophie.
Seither Privatgelehrter.

Veröffentlichungen und Editionen in allen Fachgebieten, z.B.: 
- 2 Bände der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Friedrich Schleiermachers
- 1 Briefband der Friedrich Schlegel-Ausgabe
- 2 Ausgaben mit Vertonungen Johann Friedrich Reichardts zu Texten von          Matthias Claudius.
Zuletzt Mitarbeiter an der Hermeneutik-Ausgabe Schleiermachers und Herausgeber (mit Hartwig Mayer) der Nachlass-Ausgabe von Hans Eichner: Friedrich Schlegel im Spiegel seiner Zeitgenossen (4 Bände).
Derzeitige Projekte:
- Schlegel- und Novalis-Vertonungen vor Schubert
- Gutzkows Schleiermacher-Bild

Bibliographie der Arbeiten von Patsch (bis 2005) in:
Hans Dierkes et al., Hg.  Schleiermacher, Romanticism, and the Critical Arts.
A Festschrift in Honor of Hermann Patsch. Lewiston: Edwin Mellen Press, 2007.

 

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