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Thomas Antonic  (Wien)

 

Artmann oder Brinkmann? –

Auf der Suche nach der prototypischen Pop-Literatur

 

 

Abstract

In theoretischen Abhandlungen über die Pop-Literatur der ersten Generation, zu deren prominentesten Vertretern Rolf Dieter Brinkmann, Jörg Fauser oder auch die frühe Elfriede Jelinek gezählt werden, wird oft und gerne H.C. Artmann zitiert, in dessen Diarium Das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken aus dem Jahr 1964 zum ersten Mal der Begriff „Pop-literatur“ fällt: „Pop-literatur ist heute einer der wege [wenn auch nicht der einzige], der gegenwärtigen literaturmisere zu entlaufen. Anzeichen sind bereits überall zu merken …“, so heißt es im Eintrag vom 15. Oktober.

Wenngleich nicht anzunehmen ist, dass Artmann den Terminus „Pop-Literatur“ schuf (der Begriff taucht beispielsweise auch in einem unveröffentlichten Typoskript Wolfgang Bauers aus dem Jahr 1963 auf und dürfte vor allem in Forum Stadtpark-Kreisen kursiert sein), so ist doch zu bemerken, dass mit Artmanns Publikation (und mit eben auch zum damaligen Zeitpunkt noch unveröffentlichten Texten Bauers oder auch Gunter Falks) der Begriff in der österreichischen Literatur einige Jahre vor jener in Westdeutschland auftaucht. Brinkmann, der vom Gros der Rezeption als Leitfigur der Pop-Literatur der ersten Generation betrachtet wird, tritt erst mit seinem Roman Keiner weiß mehr (1968) und der Anthologie Acid (1969) – also fast ein halbes Jahrzehnt nach Artmanns Buchveröffentlichung – als Pop-Literat in Erscheinung.

In meinem Paper soll analysiert werden, ob bzw. inwieweit Artmanns Werk, insbesondere jenes der 1960er und 1970er Jahre, trotz der Erwähnung in Das suchen nach dem gestrigen tag überhaupt der Pop-Literatur zuzurechnen ist. Weiters kann – umgekehrt – erörtert werden, ob Artmanns Texte der 1960er Jahre bislang zu Unrecht wenig Beachtung in der Pop-Literatur-Forschung fanden und inwieweit die Literaturgeschichtsschreibung nach 1945 und die „Kanonbildung der Pop-Literatur“ korrigiert werden müsste, würde man statt Brinkmanns Texten jene H.C. Artmanns als prototypisch für frühe Pop-Literatur erachten.

 

 

Thomas Antonic, Mag. Dr. phil., geb. 1980, ist wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Wien. Forschungsaufenthalte in Berkeley und Berlin.

      Forschungsschwerpunkte: Österreichische Literatur nach 1945; Transnationale Beziehungen U.S.-amerik. Beat-Literatur und deutschsprachiger Pop-Literatur; Post- bzw. supranationale Literaturgeschichtsschreibung. Veröffentlichungen u.a. zu Wolfgang Bauer, Joe Berger, Werner Schwab, Elias Canetti, Jean Améry, Christoph Schlingensief, Jack Bauer und Dieter Sperl. 

 

 

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