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Heide Kunzelmann  (Kent)

 

Beim Barthes des Proteus:

Ec(c)o! - Hans Carl Artmann zeigt uns, was ein Autor ist

 

 

Abstract

Mein Beitrag zu den Gesprächen rund um H.C. Artmann konzentriert sich auf den „Schwellenautor“ (U. Eco) Artmann, jene sprachlich maskierte, undefinierbare Autorgestalt, die zwischen dem empirischen Autor und dem Text steht und kontinuierliche Rollenwechsel vollzieht, wobei sie aus der Realität, wie der Fiktion gleichermaßen Inspiration schöpft. Martin A. Hainz merkte in seiner vor drei Jahren erschienenen selektiven Werkbibliografie und Analyse des Forschungsstandes zum Thema Artmann an, der beste Weg dem Autor auf wissenschaftlicher Ebene zu begegnen sei der, das Defizitäre in den (Sprach-)Masken zu analysieren: „[D]ie Masken beinhalten ja [...] was Artmann nicht ist, als was zu erscheinen er nicht vermochte, zu skrupulös gewesen sein mag“ (in Schuster 2010: 256). So tragen die vielzitierten Sprachmasken, die der Autor durch dreierlei ästhetische Strategien entstehen lässt, nämlich die Betonung des Unrubrizierbaren, die vielfältige Appropriation von Stoffen und Traditionen und die Mystifikation der eigenen Person im historischen Kontext,  wesentlich zum Phänomen eines betont instabilen Autors bei. Der Kern dieser Instabilität liegt im Charakter des von Artmann demonstrierten steten Rollenwechsels im Text, wie im Leben.

     Um sich den vielfältigen sprachlichen, wie im Leben angenommenen Rollen im Rahmen einer hermeneutischen Werkanalyse nähern zu können, ist es daher unerlässlich H.C. Artmanns auktoriale Praxis auf der Folie gängiger theoretischer Ansätzen des 20. Jahrhunderts zu Autorschaft, im Besonderen denen Roland Barthes‘, Umberto Ecos und Michel Foucaults zu beleuchten, um sich schließlich dem multiplen, von stetem Wandel motivierten Charakter des Werks sowie des Dichters widmen zu können.

     Dieser Vortrag nimmt die theoretischen Anregungen früherer Artmannkenner, wie etwa Jörg Drews, auf und erläutert, wie die Literaturtheorie trotz – oder gerade wegen  – des poetologischen Widerstandes des eklektizistischen „Proteus mit Chrysantheme“ (Uwe Herms in Bisinger 1974: 65) über die erwähnten Autorschaftstheorien und eine begriffliche Ausdifferenzierung der proteischen Tendenz in Leben und Werk das Defizitäre der Masken gewinnbringend aufschlüsseln kann. Dabei verstehen sich die Resultate als exemplarischer Kommentar zu einer Kontextualisierung einer außergewöhnlichen Form von Autorschaft, deren Grundlage ein profundes Krisenerlebnis des empirischen Autors, wie der Zweite Weltkrieg es war, darstellt.

 

 

Heide Kunzelmann, Leiterin des Ingeborg Bachmann Centre for Austrian Literature am IGRS, University of London, und Dozentin am German Department der University of Kent. Diplomstudium der Germanistik und Anglistik in Wien und Glasgow, MA-Abschluss in Bowling Green (Ohio), Doktoratsabschluss 2011 am Queen Mary College der University of London mit einer Arbeit zu H.C. Artmann und die apolitische Avantgarde. Eine Studie zur proteischen Autorschaft“.

 

 

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